Injektion vs. Nahrungsergänzung

Hyaluron Nahrungsergänzung„Wenn Hyaluronsäure wirken soll, dann muss sie aus einer Nadel kommen.“ An mehreren Stellen in meinem Blog oder auch auf Twitter habe ich diesen Satz in der Vergangenheit geschrieben. Denn es entspricht meiner festen Überzeugung, dass nur per Injektion direkt verabreichtes Hyaluron eine positive Wirkung entfaltet. Ich halte wenig von Hyaluron in Hautcremes (obwohl sie darin eine gewisse Berechtigung haben) und noch weniger von Hyaluron als Nahrungsergänzung.

Die Welle an neuen Nahrungsergänzungsmittel mit Hyaluron, seien es Tabletten, Dragees, Drinks oder was auch immer, macht Versprechen, die nach aktuellem Wissensstand unhaltbar sind. Und während man bei Produkten für Menschen über manche Werbeaussage noch schmunzelt, geraten sie bei Artikeln wie Katzenfutter vollends zur Groteske.

Wozu braucht es der Körper?

Zunächst die Fakten: Hyaluronsäure ist ein wichtiger körpereigener Stoff, dessen vornehmliche Eigenschaft darin besteht, große Mengen an Wasser binden zu können. Hyaluron hat deshalb wichtige Funktionen in Haut, Organen und Gelenken. Die Augäpfel bestehen zum Beispiel zum Großteil aus Hyaluron.

Die (junge) Haut verdankt ihre Elastizität und Festigkeit den Kollagen- und Elastinfasern des Bindegewebes. Hyaluronsäure ist ein Hauptbestandteil des Bindegewebes und sorgt für Straffheit, indem es die Zwischenräume der Fasern mit Feuchtigkeitsdepots ausfüllt. Wenn von „Hautfeuchtigkeit“ die Rede ist, dann ist indirekt immer von Hyaluron die Rede.

Altersbedingter Hyaluronverlust

Mit zunehmendem Alter kommt es zu einer deutlichen Abnahme der körpereigenen Hyaluronproduktion und damit zu einem Verlust an Depots im Gewebe. Zusammen mit dem  ebenfalls voranschreitenden Verlust von Kollagen- und Fettgewebe kommt es zu Volumenseinbußen, die nicht nur negativ auf die Elastizität und Straffheit der Haut wirken, sondern die Gesichtsform insgesamt verändern. Aus dem jugendlichen „V“ wird zunehmend ein altersbedingtes „O“.

Die verringerte Produktion von Hyaluron wirkt sich aber nicht nur auf die Haut aus. Auch die Funktionstüchtigkeit und Gesundheit der Gelenke kann betroffen sein. Aus gutem Grund spritzen daher Orthopäden Hyaluron in betroffene Gelenke, in der Hoffnung, durch ein Wiederauffüllen der Hyaluronreserven arthritische Leiden zu mildern. Auch hier galt bislang der eingangs zitierte Satz, dass nur mittels Injektion direkt verabreichtes Hyaluron eine positive Wirkung erzielt.

Hyaluron als Nahrungsergänzung

Nun ist aber die Industrie auf den Hyaluronzug aufgesprungen und bietet neben den seit Jahren erhältlichen Faltencremes und Gesichtsmasken auch Hyaluron als Nahrungsergänzung an, sei es in der Form von Kapseln, Pulvern, Tabletten oder Drinks.

Da Schönheit ein lukrativer Markt ist, konzentrierten sich die Angebote in der Regel auf Versprechen wie „für eine junge Haut“ oder „Verringerung der Falten“, wie wir sie schon von vielerlei Faltencremes kennen. Mit einer positiven Wirkung auf die Gelenke werben solche Mittel zumindest indirekt, indem sie auf dem Verpackungstext darauf hinweisen, dass die Einnahme von Hyaluronsäure auch für die Gesundheit der Gelenke sowie für deren Funktionstüchtigkeit förderlich ist.

Katzenfutter mit Hyaluron?

Die Versprechungen beziehen sich neuerdings nicht mehr nur auf Menschen. Auch Tiernahrungshersteller haben die verkaufsfördernde Wirkung von Hyaluron offenbar erkannt und schreiben es groß auf ihre Verpackungen. Dort sorgt es dann für ein glänzendes Fell und womöglich noch viel mehr.

Was ist davon zu halten?

Zunächst einmal muss man wissen, dass Hyaluronsäure ein komplexes Zuckermolekül ist, ein sogenanntes Polysaccharid. Sowohl der menschliche wie auch der tierische Körper verdaut solche Mehrfachzucker nur indirekt, indem sie enzymatisch aufgespalten werden und dann als Einfachzucker vorliegen. So macht es der Körper zum Beispiel mit dem Milchzucker, der als Disaccharid deutlich einfacher aufgebaut ist, als das Hyaluron.

Wie Hyaluron verdaut wird

Für die meisten Polysaccharide hat der Körper hingegen kein entsprechendes Enzym, das ein komplexes Zuckermolekül in seine einfachen Bestandteile zerlegen könnte. Pflanzliche Stärke zum Beispiel, in Sachen Aufbau und Komplexität dem Hyaluron nicht unähnlich, kann vom Körper nicht verdaut werden. Es galt daher lange Zeit als gänzlich „unverdaulich“. Lediglich als „Ballaststoff“ hatte es für die Ernährung Bedeutung. Erst seit einigen Jahren weiß man, dass Bakterien im Dickdarm Stärke in geringem Maße aufspalten und in kurzkettige Fettsäuren umwandeln können, die dann vom menschlichen Körper auch verdaut werden.

Nach aktuellem Forschungsstand muss für Hyaluron Gleiches gelten. Der Körper hat kein eigenes Enzym, um Hyaluron in der Nahrung in seine Bestandteile aufzuspalten, die einfach und klein genug wären, um sie zu verdauen. Es mag durchaus sein, dass im Dickdarm Bakterien einen Teil des Hyalurons in Fettsäuren zerlegen. Aber dann stehen sie eben als Fettsäuren (in geringem Ausmaß) zur Verfügung, jedoch nicht als Hyaluron. Mit anderen Worten: Es ist derzeit völlig unklar, wie Hyaluron als Hyaluron verdaut werden könnte.

Wäre niedermolekulares Hyaluron noch von Nutzen?

Nehmen wir aber mal an, dass es tatsächlich einen Weg für das Hyaluron gäbe, den Verdauungstrakt als Hyaluron zu passieren. Nach allem, was man über Anatomie und Physiologie des Verdauungstraktes weiß, dürften die Hyaluronmoleküle dafür eine gewisse Größe (man spricht von „Molekulargewicht“) nicht überschreiten. Zwar gibt es noch keine gesicherte Erkenntnis darüber, wie klein genau ein Molekül sein muss, um die Darmwand noch passieren zu können. Aber fest steht, dass es jedenfalls zu klein ist, als dass ein Hyaluronmolekül dieser Größe dann noch viel von seinen positiven Eigenschaften hätte, allen voran die Fähigkeit, sehr viel Wasser zu binden.

Vor diesem Hintergrund erscheint es aktuell absolut unwahrscheinlich, dass Hyaluronzufuhr mit der Nahrung im Körper irgendeinen positiven Effekt hätte. Anderslautende Werbeversprechen müssen vor diesem Hintergrund als unbewiesene Behauptungen abgetan werden.

Kein Pardon von Behörden und Gerichten

Kein Wunder deshalb, dass die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) Anträge von Herstellern, mit gesundheitsbezogenen Aussagen über ihre Hyaluronprodukte werben zu dürfen, mehrfach abgewiesen hat. Ebenso wurden Hersteller, die trotzdem damit warben, von Gerichten verurteilt.

Soweit es mich betrifft, lautet damit mein Credo auch weiterhin: „Das einzige Hyaluron, das etwas taugt, kommt aus einer Injektionsnadel!“